Darstellungen anderer Ethnien und Kulturen

LARP als künstlerischer Raum – jenseits von Ideologie und Rassismus

Einleitung

LARP ist mehr als nur ein Hobby: Es ist eine interdisziplinäre Form des Theaters, die kulturelle Vielfalt und künstlerischen Ausdruck vereint. Dabei steht das Rollenspiel nicht in einem binären Gegensatz von „Gut“ und „Böse“, sondern repräsentiert unterschiedliche Fraktionen und Perspektiven, die alle zum gemeinsamen Erlebnis beitragen. Es geht nicht um Gewinner oder Verlierer, sondern um die Qualität des kreativen Austauschs und des erzählerischen Spiels.

Während meinen Recherchen zur Darstellung eines Indigenen Volkes bin ich im Studium über die Geschichte auf unterschiedliche Quellen und Darstellungen gestoßen.

Geschichtswissenschaftliche Darstellungen

Die Rekonstruktion historischer Gegebenheiten stellt eine zentrale Herausforderung der Geschichtswissenschaft dar. Originalquellen sind oft fragmentarisch überliefert oder gänzlich verloren, sodass Historiker*innen in vielen Fällen auf sekundäre Darstellungen oder archäologische Befunde angewiesen sind. Während materielle Hinterlassenschaften wie Artefakte, Bauwerke oder Schriftzeugnisse wertvolle Erkenntnisse über Lebensweisen, kulturelle Praktiken, religiöse Vorstellungen und gesellschaftliche Strukturen liefern, bleibt jede historische Darstellung letztlich eine Rekonstruktion, die zwangsläufig von zeitgenössischen Interpretationsmustern beeinflusst ist.

Bereits in den Einführungsseminaren meines Studiums wurde mir ein grundlegender methodischer Leitsatz vermittelt, der die erkenntnistheoretische Basis der Geschichtswissenschaft betont:

„Geschichte geht auch nicht in den Ereignissen, Personen und Handlungen früherer Zeiten auf. Sie ist eine (Re-)Konstruktion, also etwas Gemachtes. Das Machen der Geschichte ist das Erzählen. Dies gilt für fiktive Geschichten … genauso wie für solche, die sich um Faktizität bemühen. Letztere ist die Voraussetzung für den Begriff ‚Geschichte‘ in der Geschichtswissenschaft. Das Erzählen von ‚wirklichen‘ Gegebenheiten der Vergangenheit als Geschichte ist immer ein Akt der Gegenwart; jede jeweilige Gegenwart deutet die Vergangenheit aus ihrem Blickwinkel. … Geschichtswissenschaft ist … von einem Standpunkt, einer Perspektive abhängig.“

(Stefan Jordan, Einführung in das Geschichtsstudium, Stuttgart 2005, S. 38)

Besonders die letzten beiden Sätze unterstreichen die fundamentale Einsicht, dass jede historische Interpretation notwendigerweise durch die Perspektive der Gegenwart geprägt ist. Dies bedeutet, dass Geschichte nicht als objektive, unveränderliche Tatsache existiert, sondern stets das Ergebnis einer retrospektiven Deutung ist. Geschichtswissenschaftliche Analysen sind demnach nicht nur von verfügbaren Quellen abhängig, sondern ebenso von den Fragestellungen, Interessen und ideologischen Rahmenbedingungen der Forschenden.

Kulturelle Darstellung: Reflexion statt Tabuisierung

In der aktuellen Diskussion wird zunehmend die Darstellung indigener Völker und anderer Kulturen hinterfragt. Es wird argumentiert, dass die Darstellung fremder Kulturen stets auch eine Form von kultureller Aneignung sein könne. Meiner – viel mehr unserer – Meinung nach ist jedoch das kategorische Fernhalten oder Tabuisieren kultureller Elemente ebenso eine ideologische Haltung, die in ihrer Wirkung oftmals rassistische Tendenzen aufweisen könnte. Das strikte Ausgrenzen anderer Kulturen aus dem Rollenspiel entspricht einer vereinfachenden Weltsicht, die der Komplexität historischer und kultureller Zusammenhänge nicht – oder viel mehr in keiner Weise – gerecht wird.

Es lässt sich also feststellen, dass kulturelle Repräsentation – sofern sie mit fundiertem Wissen, Respekt und Sensibilität erfolgt – eine Form der Wertschätzung und des interkulturellen Dialogs darstellt. Der künstlerische Ansatz, unterschiedliche Kulturen inszenieren zu wollen, sollte daher nicht als Aneignung, sondern als Teil eines kritischen Diskurses verstanden werden, der alle Beteiligten dazu anregt, über den eigenen kulturellen Horizont hinauszublicken und bestehende Vorurteile zu hinterfragen.

Für das Projekt „Becks Creek“ haben wir eigens ein fiktives indigenes Volk erschaffen, um realexistierende Völker nicht zu verletzen oder zu beleidigen. Dennoch war es uns ein Anliegen, auch ein indigenes Volk in unser Rollenspiel zu integrieren. Über ein Jahr hinweg habe ich intensiv (auf wissenschaftlicher Basis an der Universität Vechta) recherchiert und Rücksprache mit verschiedenen Organisationen, Einrichtungen und Fakultäten gehalten. Das Ergebnis ist ein fiktives Volk, das über eigene kulturelle Schwerpunkte sowie eine eigene Geschichte verfügt, die bis ins 11. Jahrhundert zurückreicht. Wir verzichten bewusst auf die Übernahme spezieller indigener Symboliken und Rituale, verwenden dafür Symbole die allgemein eher anderen Kulturen – heute ausgestorbenen Kulturen – zugesprochen werden, wodurch eine innovative Mischkultur entsteht, die historisch betrachtet auf diese Weise zu keinem Zeitpunkt real existiert haben. Zumindest lassen sich im wissenschaftlichen Diskurs zwar gewisse Hinweise finden, die belegen, das vor 1492 zumindest der Nordamerikanische Kontinent bereits „entdeckt“ wurde, jedoch lässt sich nicht eindeutig beweisen, dass die im 11. Jahrhundert lebenden Völker in irgendeiner Art und Weise Kontakt zu den „Besuchern“ gehabt haben, oder gar eine Form der Handelsbeziehungen mit ihnen eingegangen wären.

Die Kulturen der indigenen Völker Amerikas durchliefen bereits im 16. und 17. Jahrhundert tiefgreifende Veränderungen durch Kolonisation, Missionierung und Anpassungsprozesse. Der Zeitraum zwischen 1490 und 1890 umfasst somit nicht nur den kulturellen Wandel innerhalb der Völker selbst, sondern auch den Einfluss äußerer politischer, wirtschaftlicher und religiöser Kräfte. Ein Beispiel hierfür ist das rituelle Morgengebet Abínígo Sohodizin (übersetzt: „Morgengebet“ oder „morgendliche Bitte“) des Stammes der Diné (Navajo), das eindeutig christliche Einflüsse aufweist.

‚Ahéhee‘ bóhólníihii, díí ‚abínígíí nizhónígo nihee hanáá’ot’á. […]
Danke Herr für diesen wundervollen neuen Tag. […]

‚Àádòò bee ni’iisìihii La’da, bíni yiil’a’goo shaa ´ndiíí’áál.[…]
Und vergebe mir meine Sünden, so wie ich alle anderen bitte mir zu vergeben[…]

Die Begriffe „Herr“ (im englischen Lord) und die Bitte um Vergebung der Sünden sind charakteristische Elemente christlicher Spiritualität, die in traditionellen indigenen Glaubenssystemen vor der Kolonisation keine Entsprechung hatten. Dies weist auf einen Starken Einfluss christlicher Missionierung hin.

Diese Missionierung führte dazu, dass christliche Elemente in die spirituellen Praktiken vieler indigener Gruppen integriert wurden, während andere Völker ihre traditionellen Religionen weitgehend bewahrt oder synkritische Formen entwickelten.

Das Gebet kann im Übrigen in voller Länge auf Youtube gesehen werden „Daybreak Warrior – ‚Abínígo Sohodizin (Morning Prayer in Navajo – Díne Bizaad).

Unsere Erwähnung bezüglich der Christianisierung folgt absolut wertungsfrei und stellt lediglich eine beobachtbare Tatsache der Vergangenheit dar, die in Bezug auf die häufig unterstellte „kulturelle Aneignung“ von entsprechenden Darstellern eben nicht im Einklang zu bringen ist, da entsprechende Kulturen bereits im 15. und 16. Jahrhundert massiven Wandelungen – wenn auch größten Teils aufgezwungene – durchleben mussten. Und selbst in der heutigen Zeit, ist ein Wandel in vielen Kulturen zu beobachten.

Ein anschauliches Beispiel für den fortwährenden Wandel von Kulturen und Traditionen lässt sich an der zunehmenden Verbreitung von z.B. Halloween in Deutschland beobachten. Noch vor rund hundert Jahren spielte dieses Fest hierzulande keinerlei Rolle, und selbst vor zwei Jahrzehnten wurde es lediglich in kleinen Teilen der Gesellschaft gefeiert. Während in den 1990er Jahren Halloween vor allem durch Motto-Partys in Clubs Einzug hielt, hat sich in den letzten 10 bis 20 Jahren insbesondere das „Trick-or-Treat“-Brauchtum sowie das Halloweentypische Schmücken und Gestalten des Hauses / der Vorgärten etabliert, das ursprünglich aus den USA stammt.

Interessanterweise könnte auch diese Entwicklung als Form kultureller Aneignung gewertet werden, da Halloween auf keltische Ursprünge zurückgeht und in seiner modernen Form vor allem durch den angloamerikanischen Kulturraum geprägt wurde. Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass ursprünglich in Europa beheimatete Feste wie das Julfest oder die Feierlichkeiten zur Winter – oder Sommersonnenwende zunehmend in den Hintergrund rücken. Diese Verschiebung verdeutlicht, dass kulturelle Traditionen nicht statisch sind, sondern sich unter dem Einfluss gesellschaftlicher und globaler Entwicklungen verändern – sei es durch bewusste Adaption, schleichende Verdrängung oder das Aufeinandertreffen verschiedener kultureller Strömungen.

In diesem Sinne zeigt sich, dass kulturelle Transformationen keineswegs ein Phänomen der Vergangenheit sind, sondern auch in der Gegenwart fortlaufend stattfinden. So wie indigene Völker im 15. und 16. Jahrhundert – teils durch äußere Einflüsse, teils durch interne Anpassungsprozesse – kulturelle Veränderungen durchliefen, erleben auch europäische Traditionen einen stetigen Wandel. Der Diskurs um kulturelle Aneignung muss daher differenziert betrachtet werden: Wenn kulturelle Einflüsse immer wieder neu interpretiert, übernommen und weiterentwickelt werden (vor allem letzteres hat in den Jahrhunderten zwischen dem 11. bis ins späte 19. Jahrhundert eine große Rolle gespielt), ist es fraglich, inwiefern eine strikte Trennung zwischen „eigenen“ und „fremden“ Traditionen sinnvoll oder überhaupt praktikabel ist.

Letztlich fordert diese Perspektive dazu auf, den Diskurs im LARP von vereinfachenden Kategorien zu befreien. Statt in „Gut“ und „Böse“ oder „Gewinner“ und „Verlierer“ Oder gar „Fremde Kultur darstellen“ und „Darstellung verboten/verpönt“ zu denken, sollten wir den Fokus auf den kreativen Prozess und die kontinuierliche Verbesserung des Rollenspiels legen – immer im Geiste des Respekts und der Offenheit gegenüber kultureller Vielfalt.

Selbstverständlich ist die Frage, inwiefern die Erschaffung einer fiktiven Kultur als respektvoll oder potenziell beleidigend empfunden werden kann, durchaus diskussionswürdig – und prinzipiell erkennen wir diese Problematik an. Dennoch bewegt sich die Thematik auf einem schmalen Grat, der stets zweischneidig wirkt. Während des Brainstormings standen wir vor der Wahl: Einerseits ein reales Volk authentisch darzustellen, was jedoch das Risiko birgt, Fehler in der Darstellung zu begehen, die massiv beleidigend und verletzend sein könnten; andererseits die Kreation einer fiktiven Kultur, die uns einen größeren Freiraum für eine differenzierte und respektvolle(re) Darstellung ermöglicht.

Wir haben uns intensiv bemüht, das Thema so sensibel wie möglich umzusetzen. Selbstverständlich wird es auch Kritiker geben, die an dieser Stelle immer wieder nach Fehlern suchen. Wir sind uns sehr sicher, dass es Personen geben wird, die mit ausgeprägtem Engagement sich auf die gezielte Suche nach Fehlern begeben, wir möchten an dieser Stelle jedoch an Sie appellieren: Eure Position ist keineswegs überlegen gegenüber derjenigen, die durch diskriminierendes Verhalten bereits gesellschaftliche Ausgrenzung erfahren haben.

Kulturelle Vielfalt gleicht einem faszinierenden Wolkenbild: Selbst, wenn eine Person eine Ethnie darstellt, die sich in vielen Aspekten grundlegend von der eigenen unterscheidet, so bleibt dies dennoch ein Ausdruck der vielfältigen kulturellen Landschaft, die es zu feiern gilt.

Schlussformulierung

Uns ist bewusst, dass die Darstellung indigener Kulturen, insbesondere im LARP, ein sensibles und oft kontroverses Thema ist. Angehörige verschiedener indigener Gemeinschaften haben mehrfach deutlich gemacht, dass sie es als problematisch empfinden, wenn Außenstehende ihre Kulturen darstellen. Genau aus diesem Grund haben wir uns bewusst dagegen entschieden, ein noch heute existierendes Volk zu repräsentieren.

Stattdessen haben wir unsere Kultur zwar an historischen Vorbildern angelehnt, jedoch auch an Völker orientiert, die bereits seit Jahrhunderten ausgestorben sind oder im laufe der Geschichte tiefgreifende Wandlungen durchlebt haben. Unser Ziel war es, einen respektvollen Umgang mit kulturellen Elementen zu finden, ohne real existierende Identitäten zu vereinnahmen oder zu verzerren.

Gleichzeitig sind wir der Meinung, dass ein vollständiges Ausklammern indigener oder historischer Kulturen aus dem Rollenspiel nicht der richtige Weg ist. Eine solche Verdrängung würde der Geschichte ebenso wenig gerecht werden wie der Vielfalt menschlicher Kulturen. Indem wir diese Themen in unser Spiel integrieren, möchten wir vielmehr zum Nachdenken anregen und dazu beitragen, historische Hintergründe mit Sensibilität und Respekt ins Bewusstsein zu rufen.

Wir wissen, dass es zu diesem Thema unterschiedliche Meinungen gibt, und sind jederzeit offen für einen sachlichen, respektvollen Austausch. Gerade der Dialog mit Angehörigen indigener Völker ist uns wichtig. Wir laden daher ausdrücklich dazu ein, uns bei Fragen oder Bedenken zu kontaktieren – sei es per E-Mail oder über unser Kontaktformular.

Allerdings ist uns auch wichtig zu betonen, dass Respekt in beide Richtungen gilt. Ein konstruktiver Diskurs lebt von Offenheit und gegenseitigem Verständnis. Beleidigungen oder persönliche Angriffe gehören für uns nicht zu einer respektvollen Kommunikation und führen nicht zu einer sinnvollen Auseinandersetzung mit dem Thema. Unser Ziel ist ein ehrlicher, fairer und produktiver Austausch, der allen Seiten die Möglichkeit gibt, ihre Perspektiven darzulegen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.